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ANLASS UND ERFÜLLUNG
CHRISTINA BUNKS ARBEITEN FÜR INNEN UND AUSSEN

Auf unterschiedlichen Wegen gelingt die Annäherung an Christina Bunks Werk. Es lässt sich erschließen aus seiner Erscheinung und aus seiner inneren Bedeutung. Die Künstlerin erschafft ihre Formen aus einem tiefen Zusammenhang ihrer Lebenssituation. Sie ist Architektin, Bildhauerin und sie ist eine feine Beobachterin. Ihre Arbeiten entstehen in einem langen Annäherungsprozess, der sich in komplexen Werkzusammenhängen spüren lässt; noch ihre fertigen Arbeiten umgibt der Geist ihres Schaffensprozesses.

Sie ist nicht eine Künstlerin, deren Arbeitsweise rein assoziativ oder aus den Tiefen des Unbewussten geboren wird, stattdessen sucht sie eine Situation, auf die sie strukturell reagieren kann. Dieser Prozess ist insofern spannend, da sich Christina Bunk auf die Spuren nach dem Ursprung der Bildhauerei begibt. Nicht als autonomes Werk kam die Plastik in die Welt sondern aus dem Zusammenfinden mit der Architektur. Christina Bunk sucht diesen Zusammenhang, sie baut das Spannungsverhältnis zwischen gebautem Raum und konstruierter Figur noch einmal auf. Wie ein Renaissancekünstler folgt sie den Fährten in die Vergangenheit, um daraus eine Zukunft zu entwickeln. Und ihre – wie unsere – ästhetische Antike ist die klassische Moderne. Wie Michelangelo, der seinen David als Auftragsarbeit vor den florentinischen Palazzo Vecchio stellte, sucht die Künstlerin ‚ihre‘ Architektur. Erst im Moment des Findens, erst im Augen-Blick des Ansehens der Häuser, die ihre Fassaden, ihre Räume und Dimensionen zeigen, beginnt sich die bildhauerische Arbeit zu entwickeln. Christina Bunk sucht und findet den Anlass, den es braucht, damit sich ihre bildhauerischen Ideen entzünden und zu reifen beginnen. Im ersten Moment der Konzentration entsteht ein intuitives und gleichzeitig analytisches Geflecht, das beide Größen – die Architektur und die Bildhauerei - in ein neues und immer wieder spannungsreiches Beziehungsgefüge miteinander verflechtet. Es ist die Konzentration auf das Wesenhafte, auf das Eigentliche der Kunst: sehen und schaffen. Der Erkenntnisprozess bedarf zweier parallel entstehender Parameter: einerseits ist es die Intuition, dieses tatsächliche Erkennen von Dingen, andererseits ist es das rationale Einordnen und Analysieren der gesehenen Welt, die es erst ermöglicht Formen zu finden, die sich ausnahmslos an den klassischen Proportionssystemen orientieren. Dass hierbei die Mathematik nicht zu kurz kommt, mag überraschen – aber wenn man genau hinschaut, erkennt man, wie Christina Bunk den Systemen von Goldenem Schnitt und den alten Säulenordnungen ihr poetisches, empfindungsnahes Sein entlockt. Sie entdeckt die Säule als Ausgangsgröße und als Sehnsuchtsziel ihrer Arbeit. Die Säule, als einer der wahrhaften Pfeiler der architektonischen Welt, ist gleichzeitig ihr bildhauerisches Thema. Sie will der Säule ihre Würde und ihre Schönheit noch einmal neu geben. Sie findet immer wieder Gelegenheit genau das zu tun. Sie ummantelt schlichte Betonpfeiler in Wohnungen, denen sie ihr technozides Wesen raubt, um sie mit bewegten, nach oben strebenden, den Raum bewegenden Strukturen zu umfangen, sie geht den Weg zurück zu Brancusis unendlichen Säulen, zu seinen Säulenstümpfen und Plinthen, um sie als Ausgangspunkt für ihre ganz eigene, ganz wahre Formfindung zu verwandeln. Geistesverwandt mit dem rumänischen Künstler, sind auch ihre anthropomorphen Arbeiten immer wieder mit dem Thema Säule verhaftet. Selbst ihre Köpfe und Körper sind in ihrer Fragmentiertheit auf der Suche nach Vollständigkeit und dem Wunsch nach Vollkommenheit: der Standfigur und dem säulenhaften Streben nach oben. Erst in der intuitiven Zeichnung festgehalten und dann ganz klassich aufgebaut als Bozetto und nach und nach in der eigentlichen Größe und im Wechselspiel von konstruktiver Zeichnung und Plastik entstehend, kommt die Ratio wieder in den künstlerischen Schaffensprozess und einmal da, ist sie in ständiger kraftvoller Auseinandersetzung mit der formalen Realisierung und dem Unbewussten. Wenn aus diesem prozesshaften Vorgehen Säulen entstehen, vermittelt der Baukörper zwischen Tragen und Lasten im Miteinander von Innen und Außen. So stehen ganz selbstverständlich zwei Säulen in einem Garten in Berlin-Prenzlauer Berg, die mit der Architektur dialoghaft ins Gespräch kommen. Tritt man heran, sieht man, wie beide aus kugeligen Rundformen geschaffenen Werke miteinander in spannungsreiche Beziehungen treten und geht man ganz nah heran, weiß man, dass jede Kugel in ihrer handwerklichen perfekten Unregelmäßigkeit mit der nächsten zusammengehen will und berührt man die Werke, fühlt man, wie wunderbar der schwarze Ton allein das Material feiert. Entfernt sich der Betrachter wieder, vergisst er nicht, was er gesehen hat und erkennt mit einem Mal, wie schön die Verbindung von Haus, Garten und Bildhauerei sein kann – wenn Christina Bunk das Werk geschaffen hat.

Wenn sich die Künstlerin daran macht scheinbar Alltägliches oder Exzentrisches zu schaffen, findet sie einen Weg, ihr bevorzugtes Material in immer wieder überraschender Weise zu zeigen. Ton kann dunkel sein, hell, schwarz oder silberfarben. Ihre Kronleuchter fangen das Glitzern aus Murano ebenso ein, wie böhmisches Kristall, sind aber eben nicht aus Glas sondern aus Ton gebaut. Die geniale Idee, Ton als ein dem Kronleuchter nicht zugedachtes Material zu wählen, ist zum Greifen nah. Man spürt die Hände, die die unregelmäßigen Oberflächen modellierten ebenso wie die Überlegung, klassische Gestaltungsmerkmale des Leuchters nie zu vergessen – so entsteht ein mehrarmiger skulpturaler Leuchter, dessen Oberfläche geradezu haptische Qualitäten hat. Auch ihre interaktive Minigolfanlage „TonTon“ auf dem „Tempelhofer Feld“ in Berlin ist aus diesem Material entwickelt. Überraschend, fast gegenläufig zur Perfektion solcher Spielanlagen entdeckt man seine wahre Schönheit beim Einlochen des kleinen weißen Balls in den schwarzen Resonanzkörper, der dabei einen akustisch verstärkten ‚Ton’ erzeugt.
Fast immer sind Christina Bunks plastische Arbeiten an architektonische Räume gebunden und treten mit diesen in ästhetische Beziehungen. Idealerweise sollte beides von ihr gestaltet werden: die Architektur und die bildnerischen Werke. Wenn das geschieht – und einige Male konnte Christina Bunk das verwirklichen – entsteht ein allumfassendes Werkensemble. Dann kann sich die Künstler-Architektin einreihen in die Entwurfsarbeit der Heroen der Moderne. Denn ebenso wie Michelangelo, dessen Antike Griechenland und Rom waren und der nie einen Gegensatz von Architektur und Bildhauerei sah, schufen Henry van de Velde und Frank Lloyd Wright, das Bauhaus mit Walter Gropius und Oskar Schlemmer immer wieder Gesamtkunstwerke, die die verschiedenen Disziplinen vereinigten. Es ist an der Zeit die renaissancehaften Gedanken der klassischen Moderne wieder aufzunehmen und eine neue Einheit von Kunst und Architektur zu schaffen. Als Grundlage hierfür dient uns und Christina Bunk unsere Antike: eben jene klassische Moderne.

Wenn Christina Bunk einen Anlass gefunden hat – einen Raum, einen Ort, einen Garten oder auch nur ein kleines Zimmer – ist ihr Ziel die allumfassende Gestaltung: der erfüllte Raum. Ihre schönen und klassischen Zeichnungen bilden die intuitive und konzeptionelle Grundlage. Der schwarze Strich und das weiße Blatt sind die Basis für ihre Bildhauerei, ihre Architektur und ihre Gestaltung und sie weiß, dass sie selbst es war, die nicht nur aus den unbewussten Tiefen ihres künstlerischen Geistes schöpfen und schaffen konnte.

Jan Maruhn
Kunst- und Architekturhistoriker
Leiter der Bildhauerwerkstatt des bbk Berlin